Autor: Marina Weisband

Lyrik 01 – Du gehst vorbei, mir ähnlich…

„Du gehst vorbei, mir ähnlich, Augen, die nach unten sehen. Ich senkte sie genauso! Fremder, bleib doch stehen! Lies – wenn du gepflückt Den Strauß aus Arnika – Dass man mich Marina nannte Und wie alt ich war. Denke nicht, dass hier – ein Grab, und schrecklich ich erschiene … Ich habe selbst zu gern gelacht Wo andere nur weinen. Und Blut floss in den Adern Und meine Haare wehten … Ich war genauso – Fremde! Fremder, bleib doch stehen! Und steh‘ nur nicht so düster, den Kopf zur Brust gesenkt. Leicht meiner vergiss, Leicht meiner gedenk. Wie das Licht dich erhellt! Du bist ganz in goldenem Staub … – Und, dass dich nicht erschrecke meine Stimme von unter dem...

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Der Schlaf der Gerechten

Jeder kennt es. Es geht einem… dreckig. So richtig dreckig. Irgendetwas in unserem Leben hat uns sehr wütend, oder verletzt gemacht. Aus irgendeinem Grund sind wir verzweifelt. Oder auch traurig. Das Gefühl ist wie ein wildes Tier, das nach außen getragen werden will und an seinem Gitterkäfig reißt. Schmerzhaft reißt. Gott sei Dank gibt es ja gesellschaftliche Konventionen, die uns verbieten, das vor jedem nach außen zu tragen. Aber es gibt ja auch unsere Freunde. Und unseren Stolz. Die beiden letzten Sachen gehen nicht gut mit einander. Eigentlich möchte man gern alles sagen, schreien, man möchte weinen und zetern. Aber andere damit belasten? Anderen auf die Nerven gehen? Ist man so tief gesunken? Wirst du denn nicht mehr alleine mit deinen Problemen fertig; wo ist bitte deine Stärke? Sie fragen: „Wie geht es?“ und wir antworten: „Es ist alles in Ordnung.“ und hoffen insgeheim (manchmal halten wir das auch vor uns selbst geheim), dass sie nachfragen; dass sie zweifeln; dass sie es uns nicht glauben. Dann bekommen wir nämlich Gelegenheit, über unsere Gefühle zu sprechen. Das geht natürlich nicht von uns aus; wir wurden ja nur genötigt, darüber zu sprechen. Das verträgt sich mit unserem Stolz. Aber es gibt da diese beneidenswerte Sorte von Menschen, die es in der Ignoranz am weitesten gebracht haben. Wie böse das klingt! Dabei ist es das garnicht. Das ist ein sehr gesund ausgeprägter...

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Gedanken 0.2

Es ist aus irgendeinem Grund ein allgemeines Vorurteil unserer Gesellschaft, dass kranke und hässliche Personen unbedingt einen guten Charakter...

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Gedanken 0.1

Schön wäre es doch, wenn das Schicksal jedes Menschen so wäre, wie der Mensch selbst. Die gerechten Menschen hätten dann ein gerechtes Schicksal, folglich ein Gutes. Die ungerechten Menschen hätten ein ungerechtes Schicksal; folglich auch ein...

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Krank

Die Stille ist unerträglich. Ich liege auf dem Rücken und über mir ist nichts als die Dachschräge. Ich kann auch den Kopf nicht drehen, um den Anblick zu wechseln. Den Kopf zu drehen tut weh und löst Schwindelgefühle aus. Das einzige Geräusch ist das Fließen des Wassers durch die Heizung. Es klingt feindselig. Die Heizung ist voll aufgedreht, aber es ist kalt. Ich krieche noch weiter unter die Decke, aber es wird nicht wärmer. Die Einsamkeit ist unerträglich. Ich bin allein mit dem flauen Gefühl in meinem Magen und dem faden Geschmack auf der Zunge. Um ein Buch zu lesen, dazu reicht die Energie nicht. Die Augen fallen zu. Aber der Schlaf kommt nicht. Alles schläft. Niemand wird eine Visite abstatten. In diesem Zimmer ist mir alles so gut bekannt; so gut bekannt, dass es all seinen Sinn verliert. Ich beginne, darüber nachzudenken, ob es überhaupt lohnt, all diese Dinge zu besitzen. Ob es lohnt, dieses Leben außerhalb des Bettes. Ich beginne mich zu wundern, was mir daran damals so gefallen hat. Im Moment scheint allein der Gedanke an die Anstrengnug des Aufstehens mich zu töten. Das Telefon liegt neben mir. Damit ich einen Krankenwagen anrufen kann. Aber wer ruft mich an? Ich habe Hunger. Aber essen kann ich nicht. Alles Essen schmeckt nach Staub und Asche, zerfällt im Mund regelrecht. Es ist widerwertig. Andererseits ist sowieso niemand da,...

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