Autor: Marina Weisband

Was wirklich zählt

Aus aktuellem Anlass dachte ich viel über schlechte Laune nach. Das heißt nicht, dass ich sie hatte. Ich hatte seit etwa zwei Jahren nicht mehr wirklich schlechte Laune. Nicht diese Art von schlechter Laune, wie man sie als Pubertierender entwickeln kann, in der man die Welt, den Konsum, Verwandte und Kätzchen hasst. Aber als ich jünger war, hatte ich viel davon. Ich war ein unausstehlicher Jugendlicher, misantropisch und pessimistisch. Mein Bewertungsspektrum reichte von „kotzt mich total an“ bis „nicht so schlecht, wie ich erwartet hatte“. Das ging so bis zu meinem Abitur. Dann weiß ich nicht, was passiert ist. Entweder es waren banale Sachen – ich konnte von zuhause ausziehen, ich beendete die Schule, ich habe eine Therapie zuende gebracht – oder es war genau jener magische, einzigartige Moment, den ich erlebte, als ich „Krieg und Frieden“ von Tolstoj las. Es war der Abend vor meiner Mathematik-Klausur. Ich fürchtete Mathe schon immer und war ziemlich aufgelöst. Ich las in dem Buch. Fürst Andrej Bolkonskij war in der Schlacht von Borodino bei den Reservetruppen, ging auf und ab, pflückte Ästchen von Büschen, roch daran, vertrieb sich die Zeit. Eine Granate sauste auf ihn hernieder und riss ihn hinfort. Und es ist der Fürst Bolkonskij, von dem wir sprechen. Ich habe geweint. Ich dachte: „Er ist tot. Er ist entgültig tot, alles was ihn ausgemacht hat, alles was er war, ist...

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Mit der Gitarrentasche zum Ball

Ich sollte wirklich häufiger Tagebuch schreiben. Es passieren ja doch shöne Dinge im Leben. Wie mein Wochenende jetzt. Der Abiturball von Körbi. Und da er auch so lieb war, mein Ticket zu bezahlen, bin ich natürlich gefahren. Selbstverständlich nicht ohne die üblichen kleinen Probleme, ohne die das Leben einfach langweilig wäre. Begonnen bei meinem Kleid. Immerhin schon vor einem Jahr für meinen eigenen Abiturball geschneidert, lag es bei meiner Schneiderin herum. Mit über 100 Euro Kosten übringens mein weit teuerstes Kleidungsstück. Meine Mutter ruft also bei ihr an um zu fragen, ob sie es abholen kann. „Es ist noch nicht ganz fertig“, erwidert die schusselige Schneiderin. Ich persönlich habe daran geglaubt, dass es schon vor einem Jahr fertig war, als ich es gekauft, bezahlt und zu meinem Abiturball getragen habe. Falsch. Die gute Frau hatte spontan (vermutlich an einem langweiligen Nachmittag) beshlossen, dem guten Stück eine Schnürung zu verpassen – ohne mich! Was soll ich sagen, der Wert von maßgeschneiderter Kleidung ist unermesslich. Solange sie maßgeschneidert bleibt. Unzuverlässige Menschen. Mein zweites Problem ergab sich mit der Tasche. Kurz und gut, ich besitze keine. Ich hatte aber nur Gepäck für ein Wochenende, also ein paar Ersatzklamotten, Unterwäsche, Zahnbürste, ein Ballkleid und ein paar (zu einem Ballkleid wirklich lächerliche) Sandalen. Zum Glück habe ich vor einem halben Jahr mal wieder einen zum Aufgeben verurteilten Versuch angefangen, Gitarrenunterricht zu nehmen. Die Gitarrentasche...

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Buchrezension: "Der Großinquisitor" – F. M. Dostojewski

Was soll ich in einigen Worten zu diesem Buch sagen. Ich habe es gestern beim Abendessen gelesen. Es ist nicht lang. Es ist nichtmal wirklich ein Buch, sondern ein Auszug aus Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“. Aber zurecht hat man die Legende vom Großinquisitor als Einzelband veröffentlicht. Dieses Büchlein ist einer der tiefstschürfendsten, vernichtensten Kommentare zum Glauben an sich, den ich je gelesen habe. Der Inhalt ist der Folgende: Jesus kehrt auf die Erde zurück und geht durch das Sevilla des 16. Jahrhunderts und der Heiligen Inquisition. Obwohl er kein Wort sagt, wird er von allen erkannt. Der Großinquisitor lässt ihn verhaften und bestellt ihn zum Verhör. Dort erklärt er ihm, dass er kein Recht habe, auf die Erde zurück zu kommen und die Ordnung, welche die Kirche in über tausend Jahren errichtet habe, zu stören. Er erklärt Jesus Christus – einleuchtend – warum er die Menschen eigentlich nicht liebt, warum er zu viel von ihnen erwartet. Warum die Kirche die Menschen wirklich liebt. Dabei bezieht er sich auf Jesu Zeit in der Wüste, als ihn der Teufel 40 Tage lang versuchte. (Matthäus 4). Jesus lehnte die Versuchungen ab, und damit, wie Iwan Karamasow im Roman behauptet, die drei Mittel, um die Menschen für sich zu begeistern und zu führen: Das Wunder, das Geheimnis und die Autorität. Er erwartet von den Menschen, dass sie ihm auch ohne dies folgen,...

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Hallo Welt

Dies ist der übliche Anfangspost. An diesem Punkt will ich was metaanalytisches zum Blog an sich sagen. Jeder fängt einen an, kaum einer führt ihn über das dritte Posting hinaus und noch weniger davon haben tatsächlich was zu sagen. Ich habe auch nichts zu sagen. Das heißt, nichts in dem Stil, wie ein Autor es zu sagen hat, wenn die Idee in seinem Kopf gereift ist und er sich an ein Buch setzt und es schreibt. Ich habe mehr auf diese Weise was zu sagen, wen die Idee noch nicht gereift ist, sondern fragmentiert, bruchstückhaft vorliegt, sich aber für so genial hält, dass sie schon in diesem embryonalen Status ausgesprochen werden möchte. Ein Blog ist hier die ideale Plattform. Ich habe nicht vor, mich einem bestimmten Thema zu widmen. Ich habe einfach vor, meine Gedanken und Erfahrungen hier niederzuschreiben, die Art und Weise, wie ich die Welt sehe. Außerdem will ich hier einige meiner Bilder und Comics veröffentlichen, bevor sie groß auf meine Seite gehen. Es folgen auch Buchrezessionen (ich lese viel russische Klassik, wenn ihr also lesefaul seid und trotzdem mit eurem Wissen über Tolstoi und Dostojewski hier angeben wollt…) Einige Worte zu mir. Ich bin Marina Weisband, 19, geboren in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine und dort aufgewachsen. Vor etwa 10 Jahren kam ich als Kontingentflüchtling nach Deutschland. Nach einer ziemlich dummen Pubertät und Schulzeit studiere ich jetzt...

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