Autor: Marina Weisband

Ein Wort zur Zensur

Als die SPD Rheinland-Pfalz sich zur Netzpartei erklärte, entbrannte in ihrem Blog eine heißblütige und teilweise blutige Diskussion über die Berechtigung dieses Namens. Wie könne eine Partei, so empörten sich wütende Leser, darunter signifikant viele Piraten, sich „Netzpartei“ nennen, wo sie doch beispielsweise den Jugendmedienschutz-Staatsvertrag mitgetragen hat. Weil ich mich in diesem Artikel allgemein halten will, ist es besser, sich an irgendeiner anderen Stelle im Internet (explizit kein Link hier) über diesen JMStVzu informieren.  Im Kern der Debatte steht die Möglichkeit, Inhalte als unzulässig oder entwicklungsbeeinträchtigt zu klassifizieren und dann zu sperren. Warum ist sperren schlimm? Sperrungen schränken die Freiheit ein. Thank you, Captain Obvious. Vielleicht ist aber so viel Freiheit auch gar nicht gut für uns. Wir wollen schließlich nicht mit belanglosem oder gar gefährlichem Zeug belästigt werden. Warum gehen so viele Leute auf die Barrikaden, um Pornos zu gewährleisten? Die Antwort auf die Frage liegt – ganz in jüdischem Stil – in einer Gegenfrage: Wer entscheidet, was belanglos oder gefährlich ist? Der deutsche Bürger ist von Demokratie verwöhnt. Daran, dass ein Politiker Zensur nutzen könnte, um unliebsame Information zu vertuschen, Propaganda durchzudrücken und seine eigene Herrschaft zu sichern, glauben die wenigsten. Wenig beachtet wird aber die Tatsache, dass dies seinerseits nur eine Folge der Redefreiheit ist. Wenn die Politik oder Unternehmen versuchen, etwas zu verschweigen, dringt es an anderer Stelle hervor. Daher wissen wir es. Gerade in...

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Ode an Wuppertal

Ich bin wieder einmal in Wuppertal. Vier Jahre ist es jetzt her, dass ich hier weggezogen bin. Aber wie der Bus sich so den Berg hochmüht, stelle ich fest, dass sich kaum etwas verändert hat.  An denselben Häusern hängen dieselben Schilder und lassen sich vollregnen. Von den schalen Fensterläden dieser Stadt fließen die Spuren von vielen Jahren von Regen ohne Neuanstrich. Hin und wieder eröffnen sich zwischen den Häuserfassaden die alten, schönen Aussichten auf hügelige Wälder. Ich hätte gedacht, wenn ich von hier weg bin und nur vier mal im Jahr zu Besuch komme, wird sich die Stadt mit jedem Besuch verändern. Aber ich stelle fest, dass es hier so ist, als sei ich nie weggewesen. Und ich bedauere es. Das Entspannte an Wuppertal ist, dass ich mir hier keine Mühe zu geben brauche, gut auszusehen oder energisch zu wirken. Darauf achtet hier irgendwie niemand. Bei mir nicht, bei sich sind. Die Leute haben die Augen gesenkt und gehen ihren Tätigkeiten nach. Mittelmäßig, bescheiden, so Phil Collins. Die einzige schilldernde Figur ist die etwa 50-jährige Transe neben mir, mit den Netzstrümpfen und der Alkoholikernase. Nein, Wuppertal, du bist nicht schön. Du versuchst es nichtmal. Ich meine, wenn eine Stadt sich bemüht, auf fremde, naive Gemüter den Eindruck einer vernünftigen Stadt zu erwecken, dann fängt sie doch bestimmt am Bahnhof an. Dein Bahnhof hat bestenfalls etwas heimeliges. Man kennt jeden...

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Meine Traumdemo

In Zeiten von schlecht recherchierten Pauschalvorwürfen und Dampfwalzenpolitik animiere ich meine Freunde, auf die Straße zu gehen und vernünftig zu sein. So muss das aussehen:...

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Piraten in Kinderschuhen

Puh, wie mache ich das denn jetzt. Ich würde sagen, ich halte dieses Posting wahnsinnig oberflächlich und rase einmal quer durchs Themenbeet.  Zu Beginn: Ich bin Pirat. Jetzt, wo wir das geklärt haben, sind wir uns wohl einig, dass es Nach- und Vorteile hat, über einen Verein zu richten, dem man angehört. Der Nachteil ist, dass man ein wenig dazu neigen könnte, parteiisch zu sein. Der Vorteil ist allerdings die tiefe Einsicht, die man in die Materie bekommt und ohne die ich, wie Sie wissen, mir keine Meinung bilde. Als ich das erste Mal an den Stammtisch der Piraten in Münster kam, hörte ich etwa folgenden Dialog: „Wir brauchen stärkere Laser!“ „Ich glaub, die sind in Deutschland nicht mehr legal.“ „Wir könnten sie aus China bestellen.“ Aber die Piratenpartei strebt, wie ich inzwischen herausgefunden habe, doch nicht die Weltherrschaft an. Was genau sie anstrebt, ist leider sehr vorurteils- und klischeebelastet. Laut Meinung vieler sind wir „die Jungs, die kostenlos ihre Filmchen runterladen wollen“. Im schlimmsten Fall jedenfalls.  Dabei unterstütze ich die tatsächlichen Ziele der Partei sehr (und bin nicht nur Mitglied wegen des Namens, wie der geneigte Leser vermuten würde.) In a nutshell beschäftigt die Partei sich mit allem, was irgendwie Informationsverarbeitung zu tun hat. Naheliegend sind hier Datenschutz, Meinungsfreiheit, freier Zugang zu Wissen, aber auch mit transparenten politischen Prozessen und dem riesigen Bereich der Bildung. Im Zentrum steht...

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Die Emmerich-Skala

Im Rahmen einer Bachelorarbeit über Genozidgedenken ist ein Freund sehr besorgt über den Pathosgehalt seines Erzeugnisses. Es ist schwer, davon zu schreiben, wie arme, unschuldige, kolonialisierte Afrikaner von deutschen Truppen ausgerottet werden, ohne etwas ins Pathetische abzuchweifen. Um das Problem greifbar zu machen und ihm entgegen zu kommen, haben wir die Emmerich-Skala entwickelt. Die Emmerich-Skala misst den Pathosgehalt eines Textes anhand der darin vorkommenden Wörter (und einiger weiterer Parameter, auf die ich später in dieser Arbeit eingehen werde.) Ein Beispiel. Die folgenden Wörter fügen jedem Text 0.2 Emmerich hinzu: kaltherzig Vaterland heroisch fatal Bollwerk beispiellos Schicksal Vergessene Herz (außer in biologischen Texten) Hingegen erzielen folgende Worte negative Werte auf der Emmerich-Skala: unterschätzt pathetisch ideosyntaktisch Faktum (sic) Emo Bewaffneter Konflikt Außer auftauchenden Worten ist ein weiterer Einfluss beispielsweise die Satzlänge. Generell gilt im Durchschnitt: Je länger die Sätze, desto niedriger der Emmerich-Wert. Beispiel: „Aufgetürmt liegen Leichen am Straßenrand. Kinder stochern in den Trümmern nach Essen. Staub. Hunger. Verzweiflung. Ein fataler Schicksalsschlag für Haiti.“ (2 Emmerich) Gegenbeispiel: „Insbesondere an den Plattengrenzen, wo sich verschiedene Platten auseinander (Spreizungszone), aufeinander zu (Kollisionszone) oder aneinander vorbei (Transformverwerfung) bewegen, kommt es zum Aufbau von Spannungen innerhalb des Gesteins, wenn sich die Platten in ihrer Bewegung verhaken und verkanten, Spannungen, die sich durch ruckartige Bewegungen der Erdkruste entladen, wenn die Scherfestigkeit der Gesteine überschrittenwird, und es kommt zum tektonischen Beben.“ (-5 Emmerich) Ich bin der festen...

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