Das ist ein für mich schwieriges Thema, darum werde ich es vermutlich nicht bei einem Artikel dazu belassen.

Israels bekanntester Premierminister David Ben Gurion gab 1955 bei den Weisen Israels den Auftrag, festzuhalten, was die „Jüdische Identität“ ausmacht.
Es sind dabei lange Bücher und Erläuterungen zu stande gekommen, die alle versuchen, etwas herauszustellen, natürlich sehr viel über Kultur und Geschichte sprechen und letzlich meist zu dem Schluss kommen: Es gibt eine riesige Vielfalt, in dem, was Juden als ihre Identität ansehen. Die meisten davon fühlen sich aber durch ihr Judesein nicht anders als alle anderen Menschen.

Ich komme aus einer Familie, in der die jüdische Kultur, auf meinen Großvater zurückgehend, vollkommen zur Seite geschoben wurde. Mein Großvater soll noch jiddisch gesprochen haben, wenn er mit meiner Großmutter stritt. Mein Vater besonn sich der Tatsache, Jude zu sein, nur auf den Papieren. Ich selbst habe davon überhaupt erst mit 12 erfahren.
Es ist ein seltsames Gefühl, so viel über den Holocaust gelernt zu haben, über die israelische Staatsbildung und, und, und… und plötzlich festzustellen, dass man selbst irgendwo davon betroffen ist.
Aber wie betroffen? Habe ich es denn plötzlich erlebt? Ist mitmal ein schweres Schicksal, oder eine neue Kultur vom Himmel auf mich gefallen? Habe ich denn, nach 12, nicht genau so gelebt wie vorher? Ich denke nicht anders, kleide mich nicht anders, meine Familie ist auch dieselbe. Die selbe Familie, für die Shabbat etwas ist, was andere Juden gern machen, ein Quell von lustigen Anekdoten (letztere auf Anfrage).
Im Laufe meines Aufwachsens habe ich immer mehr von der Familiengeschichte gehört. Wie mein Großvater mit seiner Herkunft zu kämpfen hatte, während seiner Zeit beim sovietischen Militär. Wie antijüdisch die Ukraine auch heute noch ist. Nun, warum ich überhaupt erst die Chance hatte, nach Deutschland zu kommen.

Wie der geneigte Leser sicher bereits weiß, bin ich ein sehr gläubiger Mensch. Vielleicht wird es Zeit, den Glauben etwas zu erläutern. Ich glaube an Gott. Mehr nicht. Das qualifiziert mich nicht gerade als gute Christin. Als gute Christin muss man noch an x Dinge glauben. Aber ironischer Weise qualifiziert es mich auch nicht als gute Jüdin. (Gibt es auch im Deutschen getrennte Wörter für jüdisches Genom und jüdischen Glauben?) Ich bin dazu nicht traditionell genug, nicht bewandert genug in den Sitten, Riten und Feiertagen.
Ich bin nicht… jüdisch genug.
Das ist ein großes Problem bei den Juden in Deutschland insgesamt. Hier herrscht ein Wettbewerb, wer wohl jüdischer sei. Meiner Ansicht nach (und sie ist halb von innen und halb von außen, und vielleicht gerade darum wertvoll) bilden die jüdischen Gemeinden in Deutschland einen elitären Kreis, zu dem der Zutritt mit genug gutem Willen möglich sein mag, aber immer unheimlich nervenaufreibend und problematisch für das Ego ist. Ich will dazu einen Artikel von Mirjam Lübke zitieren:

„Woran liegt es also, dass auch wir Juden bei jedem Neuankömmling in der Gemeinde sofort das große Ratespiel beginnen, ist er’s oder ist er’s nicht? Halbseitig jüdisch, falschseitig jüdisch, gar nicht jüdisch oder – pfui – gar wieder so ein Spinner, der zum Judentum übergetreten ist? Wir prüfen Aussehen und Frisur, das Benehmen beim Beten, den Akzent und die Nase mit dem Eifer eines Rassentheoretikers.“

Das Opfervolk schlägt zurück.

Ich habe viele Aussagen und Zeichen von Juden gesehen, die immer wieder paranoid auf die Deutschen zeigen und den Judenhass in jeder derer Gesten sehen. Der Holocaust scheint noch lange nicht vorbei!
Neulich war ich auf haGalil und habe dort den satirischen, „gutmütigen“ Comic von „Moische, dem Judenhund“ gefunden.
Der Hund führt eine Ende auf Rädern an der Leine und erlebt in Deutschland immer verschiedene Begegnungen, bei denen er seine koschere jüdische Meinung äußert. Einige sind amüsant. Einige sind einfach nur antiislamistisch. Einige weit hergeholt.

Ein Beispielcomic . Ihr könnt euch ruhig auf der Seite umsehen, um euch ein Bild zu machen.

Ich habe dem Schöpfer Daniel Haw eine Email geschrieben, in der ich meine Meinung zu diesem Comic veräußert habe. In etwa lautete mein Punkt, dass ich es als übertrieben erachte, dass Deutsche sich immernoch so gegen das Judentum stellen und sich mit Muslimen verbündeten. (Die ja ach so böse sind. Ich habe noch neulich in meinem Seminar über Kreativität eine Muslimin über die herausragenden kreativen Leistungen von Juden sprechen hören.)

Ich belegte meine Meinung mit meinen eigenen Erfahrungen meiner jüdischen, ausländischen Familie in Deutschland. Nie hat irgendjemand von uns Feindlichkeit oder Ausgrenzung zu spüren bekommen. Meiner Meinung nach ist Deutschland, wenn auch erzwungenermaßen, das tolleranteste Land der Welt. Ein böser Handgriff ist uns möglich, wenn jemand sagt, dass wir (egal, in welchem Zusammenhang) dummes Zeug reden oder einfach unrecht haben.
„Das sagst du nur, weil ich Jüdin bin!“ -BAM!- Die deutsche Paranoia greift. Niemand wird widersprechen. Meine Freunde hassen das. Zurecht! Und Gott sei Dank.

Wie dem auch sei, Herr Haw hat mir geantwortet und ich würde gern einen Teil seiner Mail zitieren, um eine verzerrte Darstellung zu vermeiden:

„Der brüderliche Schulterschluss von Neonazis und Islamisten, die radikal-antiisraelische Linke in Deutschland, die Appeasementpolitik der Grünen bezüglich des Iran und der Palästinenser, die Sponsoren-Verweigerung jüdischer Kulturprojekte seitens deutscher Unternehmen und des Staates, die Schändungen jüdischer Friedhöfe, die politische Situation in Ostdeutschland und das Erstarken der NPD sind Ihnen unbekannt?
Da bewundere ich aber Ihr Gemüt!“

Ich habe ihm noch nicht darauf geantwortet, denn ich informiere mich noch. Ich bin kein Fan von unrecherchierter Argumentation. Ich belege meinen Punkt gern.

Mein einziger Kommentar: Meiner Meinung nach gibt es in einer pluralistischen Gesellschaft immer wieder Strömungen, die gegen irgendwas sind. Bestimmt auch Strömungen gegen Juden. Bei einer solchen Anzahl an Meinungen wird jede einmal vertreten sein. Aber Juden sind davon nicht schlimmer betroffen als andere. Friedensschluss mit dem Islam ist keine Kriegserklärung an das Judentum; solange einer der beiden Parteien so denkt, wird es nie Frieden geben, und das ist das, was nach Bibel das Reich Gottes definiert. Solange Juden nicht aufhören, sich als ewige Opfer darzustellen, sich auszugrenzen und ihre elitäre Gesellschaft zu bilden, so lange werden die Deutschen, die ihnen hier Heim und Akzeptanz bieten, berechtigt Skepsis gegen sie hegen!
Ich bitte, meine Aussage nicht auf alle Juden zu übertragen. Gott sei Dank sind die meisten doch vernünftig, ich spreche von denen, die sich tatsächlich ausgrenzen.
Das Ziel, das in Deutschland angestrebt werden sollte, ist nicht, die Juden in einen unberührbaren Status zu bringen, sondern in Frieden mit Deutschen. Und das kann nicht passieren, solange sie durch eine Mauer von denen getrennt sind. Egal, welche von beiden Seiten sie baut!

Ich schließe. Zu viele Gedanken auf zu wenig Artikel. Vielleicht werde ich mich später differenzierter fassen. Ich möchte, dass man hieraus einen Punkt mitnimmt, und dass ist ungeachtet allen anderen der wichtigste Punkt:

Wir glauben alle an denselben Gott, Einzelne mehr, Einzelne weniger. Die Religionen fassen diesen Gott teils verschieden auf. Es gibt zwischen uns allen Differenzen, die wir austragen. Aber es ist möglich, dass wir dennoch in Frieden mit einander übereinkommen. Das sei mein naiver Glaube.

Rebekka, David und Diccon